Banker am Existenzminimum? Wenn 200.000 Dollar nicht reichen

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Wer an einem der grossen Finanzplätze wie London, New York oder Hongkong arbeitet, verdient meist weit überdurchschnittlich. Wer überdies ein Jahresgehalt von 200.000 Dollar sein Eigen nennt, zählt zweifellos auch dort zu den Spitzenverdienern. Dennoch kommen viele Banker nicht mit ihrem Geld aus.

Nach der jüngsten Umfrage von eFinancialCareers zur Gehaltszufriedenheit mit mehr als 3000 Teilnehmern weltweit ist nur eine Drittel der Beschäftigten mit ihrem Gehalt „zufrieden“, ein Drittel „neutral“ und ein weiteres sogar „unzufrieden“. Noch interessanter ist indes, dass 27 Prozent nicht mit ihrem Verdienst auskommen, obgleich 58 Prozent angaben, mehr als 100.000 Dollar zu verdienen. Dagegen liegt der Einkommens-Median von US-Haushalten bei 59.000 Dollar. Was ist hier los?

Eines der Hauptprobleme stellen die horrenden Lebenskosten dar. Die Unzufriedenheit unter den Umfrageteilnehmern aus Hongkong fiel besonders hoch aus. Kein Wunder, schnitt die Stadt doch in der Studie zu den Lebenshaltungskosten für Ausländer des Beratungsunternehmens Mercer als teuerste Metropole weltweit ab. Die traurige Wahrheit lautet: Wenn jemand einen hochbezahlten Job in den Finanzdienstleistungen antritt, dann befindet sich dieser regelmässig in den grossen und besonders teuren Finanzzentren.

„Das Problem in London ist, dass man sich immer arm fühlt“, erzählt ein Finanzprofi von der Buy-Side, der zwischen 100.000 und 200.000 Dollar verdient. „Sie zahlen sehr hohe Steuern, ihre Wohnung kostet ein Vermögen und die Leute um sie herum sind super-reich. Im Vergleich zur normalen Welt zählen Sie sicherlich zu den Glücklichen. Aber in London fühlt man sich arm…“

Ein 25jähriger Investmentbanker von Morgan Stanley aus der gleichen Gehaltsklasse gibt an, am Monatsende nichts übrig zu haben. „Es geht nicht um faire Bezahlung. Es ist hier einfach scheissteuer“, klagt er. „Die Steuern, in London zu wohnen und zwar nicht in einer WG, gelegentlich auszugehen und nur in Restaurants mit moderaten Preisen zu essen, das alles frisst Ihren Verdienst auf, obwohl Sie keinen luxuriösen Lebensstil führen.“

Ein Junior-Banker gibt an, 60 Prozent seines Gehalts für die Miete auszugeben. „Ich brauche eine Wohnung, die relativ zentral liegt… Nicht weiter als Zone III und mein Gehalt muss höher ausfallen, um damit zurechtzukommen.“ Ein anderer Banker klagt, keine Hypothek zu erhalten, „weil der Durchschnittspreis in meiner Gegend mein Jahresgehalt um das Zehnfache übersteigt.“ Eine Credit-Traderin, die sich selbst als „kostenbewusst“ bezeichnet, wohnt deshalb immer noch in einer WG.

Als ob die hohen Mietkosten noch nicht genügten, gibt es auch noch die hohen Kosten für Kinderbetreuung oder Privatschulen. Eine IT-Fachkraft von JP Morgan mit einem Gehalt zwischen 200.000 bis 300.000 Dollar will eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent. „Es geht nicht um einen luxuriösen Lebensstil. Eine Hypothek abzubezahlen und die Schulgebühren für zwei Kinder zu bestreiten, liegt jenseits meiner Möglichkeiten.“ Ein Rates Sales der HSBC gibt ebenfalls an, dass die von ihm zu zahlenden Schulgebühren „sehr teuer“ seien. Ein Quant der Deutschen Bank wiederum kritisiert, dass ihn die Kombination von Schulgebühren und medizinischen Kosten ruiniere.

Da ein Grossteil der Boni heute erst über Jahre verzögert ausbezahlt wird, haben viele Betroffene mit Liquiditätsproblemen zu kämpfen. Eine Private Equity-Angestellte aus dem schicken Londoner Stadtviertel Mayfair meint sogar, sie müsse ihr Gehalt, welches bereits zwischen 500.000 und 750.000 Dollar betrage, verdoppeln, um ihre Lebenskosten zu bestreiten. „Der Aufschub ist einfach viel zu lang“, sagt sie. Ein jüngerer Banker, der weniger als 100.000 Dollar verdient, besitzt sogar einen Schuldenberg, der sich auf 22 Prozent seines Salärs summiert. „Mit meinem Bonus kann ich den hoffentlich abbezahlen. Vielleicht bin ich im nächsten Jahr zurück in den schwarzen Zahlen.“

Insgesamt gaben mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer an, nicht fair bezahlt zu werden. Einigen schlägt offenbar aufs Gemüt, dass viele um sie herum noch deutlich mehr verdienen. „Wie kommt es, dass Leute aus dem Front Office immer noch mehr bezahlt bekommen als Leute aus der IT“, kritisiert ein IT-Mitarbeiter. Ein weiterer Grund stellen die sehr langen Arbeitszeiten dar, für die die Betroffenen einen finanziellen Ausgleich verlangen. „Die Bezahlung reflektiert nicht wirklich den Aufwand an Zeit, Anstrengung und Stress, der erforderlich ist, um die Märkte zu schlagen“, klagt ein Trader. „Ich werde wegen meiner Seniorität überdurchschnittlich bezahlt“, sagt ein Banker. „Aber eigentlich fülle ich vier Jobs gleichzeitig aus.“

Unterschwellig scheint die Meinung verbreitet zu sein, die Gehaltsentwicklung halte nicht mit den Preissteigerungen mit. Dabei fallen die Unterschiede beträchtlich aus. Während Quants oft mit ihrer Bezahlung zufrieden sind, vielleicht weil es sich um ein wachsendes Berufsfeld handelt, herrscht bei Tradern und Vertriebsleuten wenig Begeisterung. „Beim Trading handelt es sich um eine aussterbende Kunst, in der ich zu spät eingestiegen bin“, meint ein Goldman Sachs-Macro Trader. „Die Teams werden immer kleiner, die Jobsuchenden bringen immer mehr Erfahrung mit und sind bereit, für weniger Geld zu arbeiten. Buy-Side-Trader müssen sich weiterqualifizieren, um am Ball zu bleiben, und Mehrwert neben der Handelsausführung zu schaffen.“ Statt in menschliche Trader steckten Banken und Fonds immer mehr Geld in den elektronischen Handel, IT und Compliance: „Leute wie ich werden immer unwichtiger.“

Unter solchen Umständen ist eine überdurchschnittliche Bezahlung selbstverständlich. Die meisten Umfrageteilnehmer gaben an, mindestens 100.000 Dollar verdienen zu müssen, um zurechtzukommen. Einige nannten indes deutlich höhere Zahlen. „Zwölf Stunden pro Tag mit all dem dazugehörigen Stress zu arbeiten, Schulkinder zu haben und sich eine Wohnung in einer Gegend zu leisten wie Banker vor zehn Jahren? Sind wir mal ehrlich, ein solcher Lebensstil erfordert eine Nettovergütung von etwa 400.0000 Dollar“, erzählt ein Rohstoffhändler von JP Morgan.

Doch nicht alle teilen diese Meinung. „Jeder, der in London lebt, 130.000 Pfund (170.000 Dollar) verdient und sich für unterbezahlt hält, benötigt einen Realitätscheck“, kritisiert ein Banker. „Auch wenn es schön ist, muss doch niemand mehr verdienen.“

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