Was der wenig einfühlsame Big Four-Boss in dem berüchtigten Videocall wirklich gesagt hat

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Was der wenig einfühlsame Big Four-Boss in dem berüchtigten Videocall wirklich gesagt hat

Der tröpfelnde Informationsfluss über die desaströse Mitarbeiterveranstaltung bei KPMG hat sich in einen reissenden Strom verwandelt, weil mittlerweile ein Video der Veranstaltung aufgetaucht ist (siehe unten), das bei Financial News und anderswo veröffentlicht wurde. Es bestätigt, was bisher schon geäussert wurde und zeigt den Kontext, aus dem heraus sich die Tirade von Bill Michael ergeben hat.

Bill Michael, Chair von KPMG UK bezeichnete unbewusste Vorurteile („unconscious bias“) als „kompletten, vollkommenen Mist“, und zwar, weil man sich darum „bemühen“ müsse, dass sich Dinge ändern. Und die Leute bemühen sich tatsächlich, so Michael: „Ich denke, dass es allgemein sehr viel mehr Bestreben gibt, dass sich etwas ändert.“

Anschliessend schlitterte Michael direkt in ein anderes Thema hinein, nämlich der verantwortungsvolle Umgang mit der eigenen Gesundheit. „Versuchen Sie, sich die Kontrolle über Ihren Tagesablauf nicht aus der Hand nehmen zu lassen“, sagt Michael. Er sagt, er habe mit Partnern und mit Mitarbeitern „aller Hierarchiestufen“ – mutmasslich bei KPMG – gesprochen, die „das Gefühl haben, vielem ausgeliefert zu sein“.

Hier spielt Michael vielleicht auf Corona an, oder auch die hohe Arbeitsbelastung bei KPMG, oder auch auf beides. Sein Gedanke enthält ein Körnchen Wahrheit: Natürlich ist am Ende jeder selbst für die eigene Gesundheit verantwortlich – leere Worte für eine überarbeitete Nachwuchskraft, die eine hohe Miete berappen muss, mit den Kräften am Ende und sich nicht in der Lage dazu fühlt, Anforderungen von Seiten des oder der Vorgesetzen abzuweisen.

Michael leitet daraus die Mahnung ab, „mit dem jammern“ aufzuhören. „Man kann sich nicht in die Opferrolle begeben, es sei denn, man ist krank. Ich hoffe, dass Sie nicht krank sind. Und wenn Sie das nicht sind, dann – ganz ehrlich: Nehmen Sie Ihr Schicksal selbst in die Hand, anstatt hier herumzusitzen und sich zu beschweren.“

Aus dem Video geht hervor, dass Michel versucht hat, für berufliche Verantwortung und für Resilienz zu werben, aber dass er das in einer Weise kommuniziert hat, die rau und nicht zeitgemäss war. So hat er etwa nicht eingeräumt, dass Bias erst einmal erkannt werden muss, bevor man damit beginnen kann, ihn zu überwinden. Oder dass mentale Gesundheit genauso viel wiegt wie physische Gesundheit und dass „jammern“ ein Signal dafür sein kann, dass man sich bestimmten Dingen nicht mehr gewachsen fühlt. Schlussendlich lassen sich Probleme nur lösen, wenn die Einzelnen Veränderungen anstossen, doch manchmal braucht es dafür Unterstützung – und sich beschweren, kann ein Hilferuf sein. Dies sollte Michael als Unternehmenslenker bewusst sein.

Was im Zusammenhang mit dem Mangel an Einfühlungsvermögen interessant ist, ist, dass der 52-jährige Bill Michael im März 2020 an COVID-19 erkrankt war und sogar im Krankenhaus behandelt werden musste. Im Juli beschloss KPMG, in UK 200 Stellen zu streichen, darunter 100 Consulting-Stellen. Zudem wurde eine Konsultation gestartet, in deren Rahmen Rentenbeiträge des Arbeitgebers gesenkt werden sollten. Die Kürzung der Altersvorsorge wurde im September zurückgenommen, nachdem Mitarbeiter mit rechtlichen Schritten gedroht hatten.

Infolge des Videos ist Bill Michael temporär von seinen Aufgaben zurückgetreten und muss nun eine Untersuchung abwarten. In der Zwischenzeit hat KPMG mit Bina Mehta und Mary O’Connor zwei Frauen aus der Führungsriege gebeten, als Senior Partner seine Zuständigkeiten zu übernehmen. Zudem wird auch das sehr unbeliebte Bewertungssystem überholt, in dessen Rahmen Mitarbeiter in einer vorgegebenen Verteilungskurve eingestuft werden müssen: In fünfköpfigen Teams muss jeweils eine Person eine Top-Bewertung bekommen und eine Person, am schlechtesten abschneiden. Auch dies scheint geändert worden zu sein, nachdem Mitarbeiter sich online beschwert hatten. Ein Kommentar, der bei einer Betriebsversammlung im November für die Abschaffung des Systems geworben hat, hat laut FT von über 600 Mitarbeitern ein „like“ erhalten. Fragt sich, ob diese 600 Mitarbeiter in dem genannten Bewertungssystem alle ganz unten lagen.

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