Hätte der Banker, der bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, die Credit Suisse retten können?

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Hätte der Banker, der bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, die Credit Suisse retten können?

Wenn Ende 2020, Anfang 2021 ein ganz bestimmter Mann noch am Leben gewesen wäre, dann wäre die Credit Suisse jetzt vielleicht in einer anderen Lage. Der besagte Mann war allerdings bei einem bizarren Unfall im Skiurlaub in Colorado ums Leben gekommen.

Jason Varnish war erst 46 Jahre alt, als er starb. Er hatte 1998 als FX Trader bei der Credit Suisse in London begonnen, nach seinem Abschluss an der London School of Economics. In den nächsten zwei Jahrzehnten stieg Varnish bei der Schweizer Bank zum globalen Head of Prime Services Risk auf. Er kannte das Geschäft gut und Credit Suisse gibt an, dass es ihm gelang, „die Balance zwischen den unternehmerischen Wünsche seiner Kunden und den Risikoabwägungen der Bank zu wahren“.

Varnish starb im Februar 2020: Beim Sturz aus dem Sitz eines Skilifts hatte sich sein Mantel um seinen Hals geschlungen. Ein Freund versuchte ihn zu befreien und verlangte, dass der Skilift angehalten wird, doch der Lift-Aufseher reagierte Berichten zufolge zunächst überhaupt nicht und weigerte sich dann, den Lift ohne Erlebnis zum Stehen zu bringen. Varnish wurde auf tragische Weise erwürgt.

Nach dem Tod von Jason Varnish berief die Credit Suisse laut Wall Street Journal Parshu Shah, einen Prime Brokerage-Verkäufer aus New York zum Head of Risk im Prime Brokerage Business. Shah war ebenfalls seit 20 Jahren bei der Credit Suisse, es ist allerdings unklar, ob er bereits Erfahrung im Risk-Bereich hatte. Was klar ist, ist dass Shah – der nach wie vor bei der Credit Suisse tätig ist und der sich bisher nicht wegen Fehlverhalten verantworten muss – unter anderem Archegos als Kunden betreut hatte, also das Family Office, das der Credit Suisse einen Verlust von 5,5 Mrd. Dollar eingebracht hat. Vielleicht hat er darum zunächst gezögert – vielleicht hätte ein unbeteiligter Dritter wie Varnish bei den Problemen rund um das Family Office schon viel früher Alarm geschlagen.

Varnish war weg und das Prime Brokerage Risk wurde von Shah verantwortet – diese Gemengelage führte, so das Wall Street Journal, zu dem grossen Verlust im Zusammenhang mit Archegos. Der Personalwechsel trug scheinbar zu einem Umfeld bei, in dem die Credit Suisse es versäumte, die Schlussfolgerungen eines Audits direkt umzusetzen, was 2020 zu einem Verlust von 200 Mio. Dollar im Zusammenhang mit dem Hedgefond Malachite führte. Der Audit befand, dass die Schweizer Bank die Folgen volatiler Märkte für die Tradingstrategie von Malachite nicht korrekt eingeschätzt hatte. Zudem habe ein veraltetes Margining-System nicht überwacht, wieviel Risiko eine Position der Bank in Echtzeit darstellte, wenn der Wert der zugrunde liegenden Sicherheiten schwankt (was wiederum recht fundamental scheint, wenn man bedenkt, dass SecDB dies bei Goldman Sachs schon seit Jahrzehnten tut). Ebensolche Versäumnisse führten zu dem Archegos-Verlust.

Shah hat manches richtig gemacht. Obwohl er neu auf seiner Position war habe er, so das Wall Street Journal, im September 2020 die offene Flanke bei Archegos bei der Credit Suisse dem Counterparty Risk Team der Bank gemeldet, es wurde allerdings nichts unternommen. Das Wall Street Journal munkelt, dass Shah zu zögerlich auf Berichte reagierte, wonach das Risiko im Zusammenhang mit den Archegos-Positionen wachse.

Angesichts der Tatsache, dass Shah noch immer bei der Bank ist, ist es ungerecht, ihm allein die Schuld rund um die Archegos-Pleite in die Schuhe zu schieben. Nach Auffassung der Credit Suisse scheint ihn keine Schuld zu treffen – ansonsten hätte man ihn vermutlich schon entlassen, gemeinsam mit John Dabbs und Ryan Nelson, den Chefs des Prime Broking, die im April gegangen sind. Shah scheint einfach zur falschen Zeit auf die Position katapultiert worden zu sein und kann wohl kaum in Haftung dafür genommen werden, dass ein veraltetes Margining-System im Einsatz war. Hätte Varnish anders gehandelt? Vielleicht nicht. Manche bei der Credit Suisse sehen das allerdings anders, was seinen vorzeitigen Tod umso tragischer erscheinen lässt.

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Photo by Patrick Robert Doyle on Unsplash

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