„Ich teile in einer Investmentbank das Personal ein – so sehe ich die Lage“

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„Ich teile in einer Investmentbank das Personal ein – so sehe ich die Lage“

Im letzten Jahr haben die hohe Arbeitslast und Burnout-Fälle bei jungen Investmentbankern für viele Schlagzeilen gesorgt. Die letzte Zeit war für viele schwierig. Ich bin bei einer grossen Bank an der Wall Street zuständig für Mitarbeitende auf dem Associate-Level („Staffer“) und erlebe die Probleme hautnah: Meine Aufgabe ist es, Personal auf Projekte einzuteilen.

Die Analysten und Associates, mit denen ich zusammenarbeite, sind meine Freunde. Ich will nicht, dass sie unter 100-Stunden-Wochen leiden, aber seit dem Beginn der Pandemie wird an der gesamten Wall Street gelitten. Wir alle arbeiten viel zu viel. Alle sind ständig am Schuften und alle sind ausgebrannt. Das gilt auch für VPs und MDs: Alle arbeiten die Nächte durch. Es gibt keinen einzigen Auftrag, für den wir nicht mehr Leute bräuchten, aber es ist fast unmöglich geworden, neues Personal zu gewinnen oder die bestehenden Mitarbeitenden zu halten.

Am schlimmsten war es für die First-Year-Analysten. Viele haben das letzte Jahr über bei ihren Eltern gelebt. Die Eltern haben miterlebt, dass sie rund um die Uhr arbeiten und fragen ständig, warum sie das mitmachen. Einige meiner Analysten sind gegangen – sie haben enorm gelitten und ihre Eltern haben nicht verstanden, worin der Sinn des Ganzen liegen soll.

Als Personal-Staffer versuche ich mich so gut wie möglich um meine Leute zu kümmern und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die anfallenden Aufgaben adäquat besetzt werden. Für mich ist es eine moralische Pflicht, mich um meine Leute zu kümmern: Wer als Staffer nur nach oben schielt und wem die MDs über ihm wichtiger sind als die Analysten und Associates unter ihm, ist für die Aufgabe überhaupt nicht geeignet. Ich habe das gesamte letzte Jahr über ständig daran appelliert, neue Leute einzustellen und mich gegen zu viele Staffings gewehrt und ich denke, dass das gut so ist. Es ist die Aufgabe des Staffers, den Mund aufzumachen. Es liegt im Wesen der Aufgabe, für die Anforderungen einzutreten, die an das Team gestellt werden – das ist allgemein akzeptiert. Als Staffer ist es nicht deine Aufgabe, vor MDs und Directors zu buckeln – was man durch den Verzicht auf Schleimerei verliert, wird aufgewogen durch das, was man Sichtbarkeit und Respekt gewinnt. Staffern, die nur nach der Pfeife ihrer Chefs tanzen, laufen die Leute weg, vor allem in der aktuellen Lage.

Ich habe viele der Horrorgeschichten im Banking selbst erlebt und bin trotzdem dabei geblieben. Es ist eine schwierige Branche, aber gleichzeitig ist es auch gewinnbringend – und zwar nicht nur finanziell gesehen. Ich werde auf meine jungen Mitarbeitenden immer, immer gut aufpassen, denn ich weiss, dass sie es selbst nicht tun – und dass es auch kein anderer tut. Dass es Leuten gut geht, muss immer an erster Stelle stehen: Ich ermutige meine Junioren, ihren Urlaub zu nehmen und teile Leute neu ein, wenn jemand eine Pause braucht. Junge Mitarbeitende wissen nicht immer, was am besten für sie ist, und darum braucht es jemanden, der ihnen einen Anstoss gibt und sie darin bestärkt, aktiv zu werden.

Diese Verantwortung muss irgendjemand übernehmen. Die meisten Banken haben Massnahmen eingeführt, um junge Mitarbeitende zu schützen, aber man kann Unternehmenskulturen nicht durch Regeln ändern: Das wäre, als ob man ein Tempolimit verhängt, es dann aber nicht durchsetzt. Der wirkliche Wandel muss von den Vorgesetzten ausgehen: Wenn sie den Wandel nicht mittragen, kann ein Personalverantwortlicher nicht viel machen. Bei manchen Banken gelingt das besser als bei anderen und meiner Erfahrung nach schneiden die europäischen Banken eher schlecht ab – zumindest auf der Wall Street fühlen sich europäische Banken immer als „Underdogs“ und versuchen ständig, mitzuhalten.

Die Lage wird sich hoffentlich ändern. Die meisten, die ich kenne, hatten am 4. Juli (dem amerikanischen Nationalfeiertag) frei und es gab deutlich weniger Ausnahmen als normalerweise. Die Unternehmensführung hatte durchscheinen lassen, dass man es nicht gutheisst, wenn MDs ihre Teams am Feiertag arbeiten lassen. Das hat Wirkung gezeigt.

Fraser Pearson (Pseudonym) arbeitet als Associate an der Wall Street. 

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