Die Vorstellungsgesprächs-Frage, auf die ich nie ehrlich geantwortet habe

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Die Vorstellungsgesprächs-Frage, auf die ich nie ehrlich geantwortet habe

Es gibt eine Frage, die man wohl in jedem Ratgeber zum Thema Vorstellungsgespräch findet. Es gibt sie in verschiedenen Abwandlungen, doch sie lautet im Kern:

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Ich konnte darauf im Rahmen von Vorstellungsgesprächen nie eine wirklich ehrliche Antwort geben. Noch wichtiger ist allerdings: Ich konnte die Fragen nicht einmal mir selbst gegenüber beantworten.

Ich habe immer geglaubt, dass ich eine klare Antwort vor Augen haben sollte. Als ich im Banking gearbeitet habe, dachte ich, dass die Leute um mich herum einen glasklaren Karriereplan hätten. Ich hatte Angst davor, keinen festen Fünf-Jahres-Plan zu haben – nicht zu wissen, wo ich dann sein würde, wirkte erdrückend.

Statt ehrlich gegenüber mir selbst und den Leuten in Vorstellungsgesprächen zu sein, gab ich sorgsam einstudierte Antworten von mir, die dem entsprachen, was meiner Meinung nach erwartet wurde. Das Ergebnis war eine Abfolge von Allmachtsvorstellungen davon, wo ich in einem halben Jahrzehnt stehen würde.

Wie es ausgegangen ist?

Was tatsächlich passiert ist, liess meine Vorstellungen erblassen – und zwar Mal aufs Neue. Mein bisheriger beruflicher Werdegang war alles andere als traditionell, sondern eine Abfolge von unvorhersehbaren Wendungen und Irrwegen.

Ich habe ein Jahr bei RBC Capital Markets in Toronto gearbeitet und dann zu Goldman Sachs in New York gewechselt, wo cih zwei Jahre lang gebieben bin. Danach bin ich zu einem Private-Equity-Unternehmen gegangen, dort aber nicht mal ein Jahr geblieben. Aktuell schreibe ich einen Energiewirtschafts-Newsletter, für den ich allerdings nicht bezahlt werde.

Wie gesagt: Es war… unvorhersehbar.

Als ich im Lauf des letzten Jahres damit gerungen habe, wie der nächste Schritt in meiner Karriere aussehen soll, habe ich es zu einer Priorität gemacht, ehrliche Gespräche mit Freunden und Kollegen zu führen. Überraschenderweise (und sehr erleichtert) konnte ich durch diese Gespräche feststellen, dass ich nicht der einzige bin, der Unsicherheit empfindet. Einige meiner Peers haben eine klare Vorstellung davon haben, wo sie in fünf Jahren sein werden – die meisten haben es nicht.

Mit meiner Unsicherheit bilde ich nicht eine kleine Minderheit, sondern bin Teil der Mehrheit. Das zu realisieren, ist für mich sehr bestärkend gewesen.

Bis heute bin ich dabei mir zu überlegen, wo ich in fünf Jahren sein werde. Aber mit der Zeit und mit zunehmender Reife macht es mir nicht mehr so viel aus, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Zwar kann das Unbehagen, das mit der allgegenwärtigen Unsicherheit einhergeht, manchmal schwer sein, doch ich habe akzeptiert, dass das Teil des Weges ist.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Mir lang- und kurzfristige Ziele zu setzen, hat mir geholfen, meinen Weg festzulegen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass spezifische, quantifizierbare Langzeit-Ziele nicht so viel Orientierung geben, wie ich gehofft hatte. Ich habe gemerkt: Genauso wichtig wie das Setzen von langfristigen Zielen ist es, sich unterwegs nach dem Wind zu richten und bei Bedarf die Segel neu zu setzen.

Um die Ungewissheit rund um Entscheidungen am Beginn der Karriere zu akzeptieren, braucht es Bescheidenheit und Self-Acceptance – und beides strebe ich weiterhin an. Dass ich glücklicherweise erkannt habe, dass ich mit meiner Unsicherheit nicht allein bin, war ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung.

Adam Cotterill ist ein ehemaliger Partner von Goldman Sachs. Er schreibt The Plug, einen wöchentlichen Newsletter zu Energiethemen.

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