„Ich bin ein Mann, Banker, Mitte 40 – und so gehe ich vor, wenn ich Frauen einstelle“

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„Ich bin ein Mann, Banker, Mitte 40 – und so gehe ich vor, wenn ich Frauen einstelle“

Ich bin ein Mann, Mitte 40. Ich war MD bei einer Investmentbank und bei einem Hedgefonds. Egal wo ich gearbeitet habe – ich habe immer versucht, offene Stellen in meinem Team gezielt mit Frauen zu besetzen.

Ich weiss, dass in der Finanzbranche viele Männer in meinem Alter dieses Vorgehen nicht gut finden. Ich kenne die Einwände und weiss, dass die Mehrheit der Männer, vor allem im Markets Business, der Meinung sind, dass es im Banking keine offene Diskriminierung gegen Frauen gibt. Sie glauben nicht, dass Frauen noch mehr Hilfe benötigen. Die meisten Männer, die ich kenne, haben kein Problem mit Frauen-Netzwerken und Mentoring, aber sie sind gegen Frauenquoten bei Shortlists, bei Stellenbesetzungen oder Beförderungen.

Ich glaube, das ist ein Irrtum. Im Investmentbanking sieht es mit der Gleichstellung der Geschlechter noch immer mau aus. Wenn man gezielt Frauen in die engere Auswahl nimmt, geht es nicht darum, ihnen einen ungerechten Vorteil zu verschaffen: Es geht darum, die unfaire Benachteiligung auszugleichen, der Frauen von vornherein ausgesetzt sind.

Wenn Frauen bei Stellenbesetzungen in die engere Auswahl genommen werden, muss ihre Eignung für den Job meiner Meinung nach anders beurteilt werden als bei Männern. Frauen haben möglicherweise nicht die gleichen Erfahrungen gemacht wie Männer, aber das bedeutet nicht, dass sie den Job nicht gut machen. Anders als Männer tendieren Frauen dazu, ihre Fähigkeiten herunterzuspielen und nicht zu würdigen. Daher gilt es, bewusst zwischen den Zeilen zu lesen. Frauen sprechen zum Beispiel oft über die Leistung ihres Teams – Männer hingegen stellen ihre individuelle Leistung hervor.

Wenn Frauen bei Bewerbungen und Beförderungen anders behandelt werden, kann das bei Männern Unmut auslösen. Das Problem ist, dass viele Männer in meinem Alter im Banking einen steinigen Weg hinter sich haben. Als wir ins Berufsleben gestartet sind, dachten wir, dass wir mit 40 in Rente gehen und bis dahin quasi im Vorbeigehen befördert werden würden. Stattdessen kam dann 2008 die Krise mit enormen Folgen – es gibt viele, deren Karrieren sich nie wirklich erholt haben. Es gibt viele sehr talentierte Männer mit Mitte 40, die es nicht geschafft haben, zum MD aufzusteigen und die sehr demotiviert sind. Ihnen stösst es sauer auf, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass sie ungerechtfertigt von Frauen überholt werden.

Doch egal, wie schwer es Männer hatten – Frauen hatten es noch schwerer. Ich kenne eine Frau, die auf dem Trading Floor anfangen sollte und deren Jobzusage zurückgezogen wurde, als herauskam, dass sie schwanger war – und ich habe erlebt, dass fast niemand das falsch fand. Die Zahl der männlichen MDs an meinem Desk war höher als die Zahl der weiblichen MDs auf der gesamten Etage. Für mich ist offensichtlich, dass Frauen viel länger brauchen, um befördert zu werden – sie haben weniger Vorbilder und trotz aller Diversity-Initiativen auch weniger echte Mentoring-Möglichkeiten.

Aus diesem Grund bin ich der Meinung, dass die Männer im Banking hier etwas tun müssen. Wir stellen Frauen als Analystinnen ein, wenn sie frisch von der Uni kommen, weil der formale Bildungshintergrund eine fairere und objektivere Bewertung ermöglicht. Aber sobald sie in der Bank arbeiten, merken diese Frauen, dass ihr Arbeitsumfeld unangenehm und sexistisch ist. Hinzu kommt, dass sie nicht wirklich aufsteigen – und das führt dann dazu, dass viele die Augen offenhalten und dann auf die Käuferseite oder ins Consulting wechseln.

Wenn die Banken hier wirklich etwas verändern wollen, muss gemeinsam an einer Lösung gearbeitet werden. Wenn Sie ein Mann sind und Personal einstellen, und Sie den Lebenslauf von einer Frau bekommen, die auf die offene Stelle zu passen scheint, nehmen Sie sie in die engere Auswahl – auch dann, wenn ihr Lebenslauf weniger aufgebauscht ist als bei den männlichen Aspiranten.

Frauen in der Finanzwelt ist ihr Beruf genauso wichtig wie Männern, sie brauchen nur etwas Unterstützung von denen unter uns, die diese bieten können.

Edwin Lowe ist ein Pseudonym

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