Ein ehrlicher „Day in the life“ eines Sell-Side-Equity-Analysten

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Ein ehrlicher „Day in the life“ eines Sell-Side-Equity-Analysten

6:00 Uhr: Aufstehen, Zähneputzen, Duschen, Kaffee machen.

6:30 Uhr: Versuche, das Wall Street Journal zu lesen – leider erfolglos. Stattdessen schaue ich mir eine Stunde lang die NBA-Highlights vom gestrigen Abend an.

7:30 Uhr: Fahre ins Büro und höre dabei einen Podcast, in dem ein Investment-Nerd andere Investment-Nerds interviewt.

7:45 Uhr: Ich erspähe eine riesige Schlange vor dem unscheinbaren Foodtruck, der wässrigen Kaffee für 1,50 Dollar und altbackene Donuts/Bagels für 2 Dollar verkauft. Muss 15 Minuten lang anstehen und kaufe dann einen Bagel mit Wurst und zwei Eiern, denn ich esse wie ein König. Da ich weiss, dass es ein langer Tag wird, nehme ich noch einen grossen Kaffee mit.

8:00 Uhr: Komme im Büro an. Mein MD (Managing Director, der Senior Analyst) kommt erst um 9 Uhr. Ich checke meine Mails und unterhalte mich dann mit einem Kumpel, der den Bereich Retail abdeckt.

9:00 Uhr: Mein Analyst kommt ins Büro. Er ist ein guter Typ. Er plaudert kurz mit mir, dann klingelt aber sein Arbeitstelefon. Er macht seine Tür zu und macht sich daran, die Kunden zu unterstützen.

9:30 Uhr: Die Börse öffnet. Ein Kollege aus Equity Sales bekniet mich, mit einem Kunden zu sprechen, ein älterer Portfolio Manager von einem Pensionsfonds aus dem Mittleren Westen, der kaum tradet, fragt – natürlich – ob es attraktiv sei, in Legacy-Tech-Unternehmen zu investieren. Ich erkläre mich bereit, ihn eine Stunde lang babyzusitten.

10:30 Uhr: Mein MD ruft mich in sein Büro um zu einer Deep-Dive-Note zu brainstormen. Ich weiss natürlich schon jetzt, dass dieses Papier reine Zeitverschwendung ist und kein Kunde es lesen wird. Aber es ist weniger anstrengend, das Papier einfach stumpfsinnig zu schreiben, als ihn davon zu überzeugen, dass es eine dumme Idee ist. Das wird er schon selber merken, wenn kein Kunde es liest und niemand ihn dazu anruft.

11:00 Uhr: Kriege Hunger, aber eine andere Equity-Sales-Kollegin ruft an und fragt, ob ich mit ihrem Pod-Shop-Kunden sprechen könne. Ein Pod-Shop ist ein Multi-Manager-Hedgefonds, in dem verschiedene Teams (Pods) Geld investieren. Es ist ein sehr kurzfristiger Investment-Stil der darauf abzielt, unterschiedliche Blickwinkel auf vierteljährliche Earning Results zu haben. Ich gebe vor, Bauchweh zu haben, weil ich mit Pod-Shop-Leuten nicht reden möchte.

12:00 Uhr: Mittagessenszeit! Es bildet sich eine Gruppe, die zusammen Mittagessen geht. Wir gehen zu einem Libanesen in der Nähe des Büros. Ich nehme Chicken Shawarma mit extra Huhn und extra Knoblauchsosse. An einem Earnings-Tag ist damit das After-Lunch-Koma programmiert, aber: Man lebt nur einmal.

13:00 Uhr: Ich beginne mit den „Vorbereitungen für die Earnings“. Ich bin heute Abend für zwei Unternehmen zuständig. Ich kopiere die Berichte des letzten Quartals in eine neue Vorlage und markiere die Zahlen, die ich aktualisieren muss, wenn die tatsächlichen Ergebnisse da sind.

15:30 Uhr: Meinem MD fällt plötzlich auf, dass heute Abend vier Unternehmen Bericht erstatten werden, er selbst aber den ganzen Tag in Kundentelefonaten festhängt. Er beginnt, nervös zu werden, weil er nicht weiss, dass mein Teamkollege und ich die Vorbereitungen schon getroffen haben. Würden wir uns auf ihn als Projektmanager verlassen, wären wir alle obdachlos.

Der Plan: Für das mit HOLD bewertete Unternehmen wird sich mein MD nicht in die Telefonkonferenz einwählen. Bei den anderen drei Unternehmen wählen mein Teamkollege und ich uns ein, bevor die Konferenz beginnt, und stellen meinen MD in die Warteschlange, damit er dem Management eine Frage stellen kann. Wir machen auch „Callbacks“, das sind exklusive Gruppen- oder Einzelgespräche mit der Unternehmensleitung, bei denen Sell-Side-Analysten Fragen stellen. Die „Callbacks“ werden in der Regel zu einer einzigen Plauderstunde.

Wir sind jetzt in der Warteschleife für drei Earnings-Telefonkonferenzen, der Big Boss ist in der Fragewarteschlange. Wir sind fix und fertig.

16:15 Uhr: Die Ergebnisse liegen vor. Zwei Unternehmen haben ihre Gewinne übertroffen und die Prognosen angehoben (das gute alte „beat and rise“), und wir haben sie mit KAUFEN bewertet, so dass der Big Boss den Sieg davonträgt.

Das dritte mit KAUFEN bewertete Unternehmen ist eine Katastrophe: Die Aktie ist um 20 Prozent gefallen, aber das ist dem Big Boss egal, denn unsere Firma ist die führende Bank, die die Schulden des Unternehmens übernimmt. Ein BUY-Rating verschafft uns Zugang zum Management und Investmentbanking-Gebühren.

17:00 Uhr: Ich höre mir die Earnings-Calls meines Unternehmens an und beginne, alles aufzuschreiben.

19:00 Uhr: Ich bin mit der Arbeit fertig, aber es werden weiterhin Management-Rückrufe eingehen (Danke auch, Westküstenunternehmen). Ich bestelle Abendessen bei meinem Lieblings-Thailänder, bei dem ich schon die letzten vier Tage bestellt habe. Ausserdem brauche ich meinen thailändischen Eistee und frittierte Krabben-Rangoons. Ja, ich esse, wenn ich Stress habe. Verurteilen Sie mich nicht.

21:00 Uhr: Mein MD hat sogut wie keine Ahnung von den Ergebnissen eines meiner Unternehmen, weil er in vier Earning-Calls gleichzeitig ist. Ich weiss, dass er beim Callback eine total allgemeine Frage stellen wird. Ich hatte Recht – er fragte: „Wie weit sind wir mit 5G?“, eine Frage, die man sogar einem Landwirtschaftsunternehmen stellen kann.

22:00 Uhr: Mein MD gibt meine Aufschriebe und Modelle frei. Ich lege sie dem Supervisory Analyst zur Freigabe vor. Natürlich lehnen diese Idioten die Notizen mit der Begründung ab, dass ich keine provozierenden Titel verwenden darf, ich muss sie also umformulieren und erneut einreichen. Ich laufe herum und ärgere die Leute aus dem Öl- und Gas-Research, bei denen zwanzig Unternehmen auf einmal berichten. Ich fühle mich etwas besser, relativ gesehen.

23:00 Uhr: Die Aufschriebe werden genehmigt. Ich bleibe noch ein wenig, um meinen Teamkollegen Beistand zu leisten, der gerade das Skript für meinen MD schreibt, das dieser morgen früh in einem Call vorlegen soll.

23:30 Uhr: Wir sind für heute fertig. Mein MD geht nach Hause und das bedeutet, dass ich zehn Minuten später auch gehen kann. Ich gehe nach Hause und lege mich ins Bett. Morgen muss ich um 6 Uhr für einen Morning Call da sein.

Dick Toad ist ein Pseudonym. Er hat als Sell-Side-Equity-Analyst und dann als Research-Analyst in einem Long-Short-Hedgefonds gearbeitet. Mittlerweile ist er Unternehmer und betreibt ein Coaching-Unternehmen (dickthesellsider.com) sowie eine Reihe von Social-Media-Accounts, denen es darum geht, Equity Research zu entmystifizieren.

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