„Ich sage Freunden und Familie nicht, wieviel ich in der Finanzbranche verdiene“

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„Ich sage Freunden und Familie nicht, wieviel ich in der Finanzbranche verdiene“

Ich bin Portfoliomanager bei einem Long-Only-Investmentfonds. Meine Eltern sind als Einwanderer nach Grossbritannien gekommen. Mein Vater hat in einer Fabrik gearbeitet, meine Mutter war Hausfrau. Niemand aus meiner Familie und auch niemand von meinen Kindheitsfreunden hat studiert. Da wo ich herkomme, hat man direkt nach der Schule angefangen, zu arbeiten. Die Leute haben das Geld gebraucht.

Als Teenager hatte ich keine Ahnung von Berufen in der Finanzbranche. Ich war auf einer normalen Gesamtschule und Banking war für mich Privatkundengeschäft. Als ich 17 war, forderte mich ein Lehrer auf, an einer einwöchigen Summer School für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Cambridge teilzunehmen, die vom Sutton Trust organisiert wurde – und das hat mein Leben komplett verändert.

Das Credo des Sutton Trust ist, dass die Herkunft eines Kindes nicht über dessen Zukunft entscheiden sollte. Nach der Summer School in Cambridge habe ich mich dort beworben und einen Studienplatz für Wirtschaftswissenschaften bekommen. Das hat meine Vorstellung von dem, was ich kann, komplett verändert. Als ich mich in Cambridge beworben habe, waren einige meiner Freunde zu Hause der Meinung, dass das etwas übertrieben sei. Ich sei zwar intelligent, aber da würde ich zu weit gehen. Als ich dann in Cambridge angenommen wurde, verstand ich, dass es keine gläserne Decke über mir gab.

Nach der Uni fing ich an, im Banking zu arbeiten und wechselte dann auf die Buy-Side. Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren in der Finanzbranche tätig und bin – was vielleicht ungewöhnlich ist – noch immer mit vielen Leuten aus meiner alten Heimat befreundet. Viele von ihnen haben unseren Heimatort nie verlassen. Sie haben nicht studiert, sondern waren vor Ort auf einem College und haben dann angefangen, zu arbeiten. Ich habe bei vielen Entscheidungen Glück gehabt, aber vielen meiner Freunde hat der Mut zur Veränderung gefehlt, den man braucht, wenn man etwas verändern will.

Ich habe mich bewusst darum bemüht, mit meinen Kindheitsfreunden in Kontakt zu bleiben. Dank ihnen ist meine Weltsicht nicht durch die Finanzwelt verzerrt – ich weiss, was real ist. Meine Freunde dort haben beispielsweise keine Ahnung von der „Cost of living-Krise“, aber wenn ich nach Hause fahre und mit Krankenschwestern und Taxifahrern spreche, kann ich sehen, wie schlimm es tatsächlich ist.

Hat mein Hintergrund mir Nachteile beschert? Auf den ersten Blick nicht – die Finanzwelt ist heute sehr viel diverser, aber in manchen Bereichen gab es definitiv Unterschiede. Bei mir gab es zum Beispiel weniger Erfolgsdruck aus der Familie: Als ich in Cambridge war, hatte ich das Gefühl, es allen gezeigt zu haben – dann erlebte ich, unter was für einem Druck Kommilitonen aus erfolgreichen Familien standen, um weiterhin erfolgreich zu sein. Als ich ins Berufsleben startete, konnte ich mit niemandem über zwischenmenschliche Themen bei der Arbeit sprechen – ich wusste nicht, wie ich auf bestimmte Menschen zugehen sollte und wie ich mir einen Ruf aufbauen konnte. Ich wusste, dass ich mit Akzent sprach. Und auch heute noch merke ich, dass es diese unausgesprochenen Netzwerke gibt zwischen Menschen, die an denselben Unis und „Prep Schools“ waren. Mit einem Studium in Oxford oder Cambridge erhält man zwar Zugang, aber es gibt Netzwerke innerhalb dieser Netzwerke, und in die kommt man nur mit bestimmten Gemeinsamkeiten. Das nennt man „Fit“.

Wenn ich jetzt nach Hause fahre, sage ich meinen Freunden, dass sie ihre Kinder stärker fördern sollen. Das kann durchaus zu Spannungen zwischen uns führen, weil sie ihren Kindern häufig nicht viel zutrauen.

Wenn ich dort bin, spreche ich nie darüber, wie viel ich verdiene. Ich habe manchen finanziell geholfen, aber das würde ich nie erwähnen. Ich sage nur, dass es in der Finanzbranche ein bisschen ist wie im Fussball: Ein paar Fussballer verdienen enorm viel Geld. Die meisten verdienen ganz ok. Ich bin einer von denen, die ok verdienen.

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