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Burnout, Brutalität, Boni: „In der Finanzwelt kennt man das Spiel“

Vor zehn Jahren war Ian Burns Managing Director und Head of Pan-European Equity Sales bei der Citigroup – und machte einen Fehler. Es war 5.56 Uhr morgens, er hatte gerade mit der Arbeit begonnen, nachdem er am Abend zuvor gegen 22 Uhr fertig geworden war. Nach einer 26-jährigen Bankenkarriere mit tadelloser Bilanz, verschickte er versehentlich zwei E-Mails mit vertraulichen Informationen, die er erst ab 7 Uhr hätte teilen dürfen.

Der Fehler kam ihn teuer zu stehen. „Der Fehler bedeutete, dass ich wegen groben Fehlverhaltens entlassen wurde, und das hat mich zerstört“, sagt Burns. Er verdiente nichts mehr, hatte aber gleichzeitig einen Immobilienkredit abzuzahlen und zwei Kinder im Internat. Er verlor Hunderttausende an aufgeschobenen Boni. Er schreibt, dass der Fehler ihn wahrscheinlich auch seine Ehe gekostet hat: „Zur finanziellen Verwüstung gesellte sich die soziale Demütigung und die emotionale Zerstörung.“

Rückblickend schreibt Burns den Fehler einem Burnout zu. Als Perfektionist hatte er sich eingeredet, den Stress zu brauchen. Er arbeitete bis spät abends, fing frühmorgens wieder an und war „total ausgelaugt“. Seiner damaligen Ehefrau war es aufgefallen. „Ein paar Wochen vorher meinte sie, dass ich manisch sei, und je mehr ich über psychische Gesundheit erfahre, desto mehr denke ich, dass sie wirklich recht hatte. Ich war manisch, weil ich den Punkt erreicht hatte, an dem die Dinge nicht mehr funktionieren.“

Das ist zehn Jahre her. Ein Jahrzehnt später weiß Burns eine Menge über psychische Gesundheit: Er hat in den letzten vier Jahren eine Ausbildung zum Psychotherapeuten und Psychoanalytiker gemacht und ist aktuell als angehender Psychologe für den South London and Maudsley NHS Foundation Trust tätig. „In Zukunft wird es eine Mischung aus privater Praxis und dem NHS sein“, sagt Burns. „Ich habe nichts dagegen, mit Patienten aus dem Bankensektor zu arbeiten, aber ich werde nicht aktiv auf sie zugehen.“

Burns' eigene Bankkarriere war noch nicht zu Ende, als ihm 2012 der Fehler unterlief. Er ging anschließend zu SocGen, wo er über ein Jahr als Co-Head of Pan-European Equity Sales tätig war und wechselte dann zu HSBC, wo er bis 2017 eine ähnliche Funktion innehatte. Aber er war zunehmend unzufrieden und wurde in seinem Vorgehen immer eigenbrötlerischer. Er begann Yoga zu machen. Er wetterte gegen Vertriebs-KPIs. Er befürwortete das Arbeiten im Home Office, als es noch unvorstellbar war. „Ironischerweise bekam ich genau dann mehr Führungsaufgaben übertragen, als ich merkte, dass ich nicht mehr in diesem Beruf arbeiten wollte“, sagt Burns. Letztendlich wurde er entlassen: „Es war ein Kampf im Gange, und ich habe ihn verloren – und hatte damit kein Problem!“

Als jemand, der eine umfassende Ausbildung im Bereich der psychischen Gesundheit absolviert und viele Jahre lang über seine Fehler nachdenken konnte, ist Burns heute in der Lage, die Missstände in der Branche zu diagnostizieren. Von seinem neuen Standpunkt aus kann Burns – so sagt er selbst – erkennen, welche Folgen seine frühere Karriere für seine psychische Gesundheit und seine Beziehungen hatte.

Wer von den berühmt-berüchtigten langen Arbeitszeiten im Bankwesen überrascht sei, ist naiv, sagt Burns. „Wenn man sich für einen Job im Investmentbanking bewirbt, wird einem sehr deutlich gemacht, dass man entsprechend den Business-Anforderungen arbeiten muss.“ Außerdem sagt er, dass die Leute, die bei Banken anfangen, das gern tun: „Es ist sehr schwierig, die klügste Person im Raum zu sein, aber man kann die Person sein, die am härtesten arbeitet. Es sind nie die Manager, die sagen, dass man bis 23 Uhr arbeiten und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder da sein muss.“

Auch wenn es um Boni und Personalabbau geht, kennen alle die Spielregeln. „Wenn Sie bei einer Bank arbeiten, wissen Sie, dass es eine jährliche Entlassungsrunde geben wird, und Sie wissen auch, dass Sie entlassen werden können noch bevor die Boni fließen, wenn Sie nicht zum oberen Quartil der Leistungsträger gehören. Das Banking ist anders als andere Branchen, sagt Burns. So bestehe die Hauptaufgabe als Senior Manager darin, jedes Jahr leistungsschwache Mitarbeiter ausfindig zu machen und zu entlassen. „Sie bilden sich ein, dass es darum geht, Ihr Team zu verbessern und weiterzuentwickeln, gute Mitarbeitende einzustellen und jüngere Mitarbeitende aufzubauen, aber Sie wissen, dass es in Wirklichkeit darum geht, mit weniger Leuten mehr zu erreichen.“

Das mag hart klingen, aber Burns weist darauf hin, dass es eine Welt ist, in der die Teilnehmenden die Regeln kennen und sich bereitwillig an der daraus resultierenden Realität beteiligen. „Es handelt sich um eine Branche, in der man sehr gut verdienen kann – und die Leute wissen, wie es ist. Dennoch kann der Einzelne der Kurzsichtigkeit und dem unangebrachten Wahn anheimfallen, unverwundbar zu sein.“ Zwei Jahre nach der Finanzkrise im Jahr 2008 hätten sich jene, die kurz vorher noch Angst hatten, dass ihre Berufslaufbahn vorbei ist, schon wieder über zu niedrige Boni geklagt, so Burns: „Es gab dieses Gerede, dass die Banken, weil sie gestützt worden waren, wieder zu ihrem alten Glanz zurückfinden mussten, und das bedeutete, die besten Mitarbeitenden zu hohen Gehältern einzustellen.“ Auch wenn ihre Stellen unsicher sind, würden Banker dazu tendieren, ihr ganzes Geld auszugeben und eher in Vergleichen als in absoluten Zahlen zu denken, meint er: „Man hat immer das Gefühl, dass im nächsten Jahr mehr reinkommt. Wenn Sie einen bestimmten Betrag erhalten haben und ein Kollege mehr verdient hat, werden Sie sehen, ob Sie in der nächsten Bonusrunde den höheren Betrag bekommen können.“

Manchmal könne es aber zu viel werden. Manchmal könne man seinen Job verlieren – und seinen Ehepartner und fast alles andere auch. „Für alle, die ihre Arbeit als überwältigend empfinden: Versuchen Sie, es nicht zum äußersten kommen zu lassen, denn ansonsten werden Ihr Körper oder Ihre Psyche streiken. Wenn Sie bisher dachten, alles unter Kontrolle zu haben, werden Sie plötzlich fürchten, dass Ihnen die Kontrolle entgleitet“, so schreibt Burns. Wie merkt man, dass man auf diesen Punkt zusteuert? „Den Menschen um Sie herum wird es auffallen“, sagt er. „Die Menschen, die Sie am besten kennen und am meisten lieben, werden merken, dass etwas nicht stimmt. Mein Rat ist: Wenn jemand, dem Sie wichtig sind, Sie fragt, ob alles in Ordnung ist – dann horchen Sie auf! Sie müssen in sich hineinhören. Und Sie müssen die Warnung ernst nehmen.“

 

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AUTORSarah Butcher Global Editor

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