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Die dunkle Kunst der Stressfragen in einem Vorstellungsgespräch

Wer in ein Vorstellungsgespräch mit einer Investmentbank spaziert, sollte keine Nettigkeiten erwarten. In derartigen Investmentbanking-Interviews geht es auch gar nicht um den Austausch von Freundlichkeiten.

In einer ohnehin schon angespannten Situation unternimmt so mancher Gesprächsteilnehmer einiges, um den Druck im Kessel noch ein wenig anzuheizen. Dazu werden Sie mit allen erdenklichen Fragen konfrontiert: von „Wie viele Fahrräder gibt es in Peking“ über „Was würden Sie auf den Mond mitnehmen“ bis hin zu komplexen mathematischen Aufgaben.

Von Goldman Sachs wird beispielsweise erzählt, sie würden dort interessante Fragen stellen, die auf dem alten französischen Glücksspiel Martingale beruht. Die Regeln lauten folgendermaßen: Der Gesprächsführer wirft eine Münze. Falls Kopf kommt, dann zahlen Sie virtuell einen Euro und das Spiel ist vorbei. Falls jedoch Zahl erscheint, dann zahlen Sie nichts und werfen die Münze noch einmal. Falls es auf Kopf hinausläuft, dann zahlen Sie dem Gesprächsführer die doppelte Summe und das Spiel endet. Falls Kopf abermals erscheint, dann werfen Sie die Münze noch einmal. Falls Kopf erscheint, verdoppelt sich die Summe noch einmal und das Spiel endet usf.

Die Frage des Gesprächsführers lautet: „Wie viel müsste ich Ihnen am Anfang Zahlen, damit Sie sich auf dieses Spiel einlassen?“

Beim Nachdenken müssen Sie erst einmal einen Schritt zurückgehen und sich fragen, wonach tatsächlich gefragt wird. Die Frage zielt auf Ihren Umgang mit Risiken ab. Wenn Sie einen Euro antworten, dann haben Sie falsch nachgedacht. Wenn Sie 50 Euro sagen, dann sind Sie übervorsichtig. Alles kommt darauf an, wie Sie sich selbst präsentieren wollen. Wie würden Sie Ihren Denkprozess darlegen.

Keinesfalls dürfen Sie sich frustrieren, verwirren oder nervös machen lassen. Auch wenn solche Fragen irrelevant klingen, verfolgen sie doch einen bestimmten Zweck. Es soll geprüft werden, wie Sie selbst denken, mit komplexen Gedanken umgehen und in Stresssituationen reagieren.

Die Banken wollen mit so etwas vier Kernkompetenzen prüfen: Ihre Problemlösungsfähigkeit (Können Sie in der Hitze des Moments, einen logischen Schluss zur Lösung eines Problems aufbauen?), Ihr analytisches und kritisches Denkvermögen (Behalten Sie den Überblick, wissen Sie was wichtig ist und analysieren Sie die relevanten Informationen, um zu Ihrem Schluss zu gelangen?), Ihre Kreativität (Können Sie originelle Ideen in einer strukturierten Form vorbringen?) und Ihre Leistungsfähigkeit unter Druck (Bleiben Sie in einer Stresssituation ruhig, obgleich Sie nicht vorbereitet sind?).

Um erfolgreich abzuschneiden, müssen Sie systematisch vorgehen. Dabei hilft, die Frage gedanklich noch einmal durchzuspielen. Es ist auch nichts falsch daran, laut zu denken. Schließlich geht es allein darum, sich bei der Beantwortung als beeindruckender Problemlöser zu präsentieren. Das schlimmste ist, sich zu verschließen, in die Defensive zu geraten oder sogar aggressiv zu werden.

Victoria McLean hat sich mit dem einem Schreibdienst für Lebensläufe, City CV, in London selbständig gemacht. Vorher war Sie Recruterin bei Goldman Sachs und der Bank of America Merrill Lynch.

Photo by Matthew Kerslake on Unsplash

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AUTORVictoria McLean

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