Glänzen oder ins Fettnäpfchen treten? – Fragen stellen im Vorstellungsgespräch

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Glänzen oder ins Fettnäpfchen treten? – Fragen stellen im Vorstellungsgespräch

„Gibt es noch Fragen?“ – Es gibt wohl kaum ein Vorstellungsgespräch, in dem dieser Satz nicht fällt. Für die Bewerberin oder den Bewerber beginnt jetzt der vielleicht spannendste Teil des Gesprächs. Denn: Die Fragerunde bietet die Chance, sich darzustellen und das Gegenüber besser kennenzulernen. Kurz: Es ist der Teil des Gesprächs, der wirklich individuell ist und bei jeder Bewerberin und jedem Bewerber anders aussieht. Gleichzeitig kann man sich mit den falschen Fragen auch extrem unbeliebt machen. Wie also gelingt der Balanceakt?

In einschlägigen Ratgebern finden sich jede Menge Anregungen für Fragen, die man im Vorstellungsgespräch stellen kann. Wir haben einige ausgewählt und einem Experten vorgelegt: Walter Feichtner ist Karrierecoach und berät in München Berufseinsteiger, Fach- und Führungskräfte. Gleichzeitig ist er auch für Unternehmen tätig, berät beim Recruiting und konzipiert etwa Assessment Center.

Feichtner hat mehrere Fachbücher verfasst und unzählige Bewerberinnen und Bewerber bei der Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen begleitet. „Wer im Vorstellungsgespräch sitzt, sollte auf jeden Fall die Möglichkeit nutzen, Fragen zu stellen“, sagt er. „So können Sie in die Interaktion gehen und sich mündig zeigen. Die Erfahrung lehrt, dass man dann sehr viel mehr Erfolg hat. Wer nur reagiert, kann sich nicht zeigen.“ Wir haben dem Karrierecoach sechs Fragen vorgelegt, die häufig empfohlen werden, und ihn um seine Einschätzung gebeten.

Frage 1: „Was sind die Herausforderungen der Stelle?“

Hier geht es darum, mögliche Fallstricke auszuloten – grundsätzlich, so Karrierecoach Feichtner, sei das eine sehr gute Frage, die aber auch heikel sein könne. Herausforderungen – das ist „Code“ für „was macht den Job schwierig, welche Probleme und Konflikte kommen auf mich zu“. Wer hier eine Antwort, womöglich sogar eine halbwegs ehrliche, bekommen möchte, muss die Frage laut Feichtner anders stellen. „Holen Sie weit aus. Sagen Sie, dass Sie gern wissen würden, was auf Sie zukommt und was die wichtigsten Themen und Aufgaben sind, in der Startphase, aber auch mittelfristig. Fragen Sie nach, ob die Erwartungen oder Ziele grob umrissen werden können und wie Sie einen Beitrag leisten können. Und irgendwo dazwischen können Sie den Begriff ‚Herausforderungen‘ einflechten.“

Frage 2: „Wie bewerten Sie Ihr Unternehmen und wo sehen Sie Spielraum für Verbesserungen?“

Ob man diese Frage wirklich stellen will, sollte man sich laut Feichtner gut überlegen. „Das kann sinnvoll sein, wenn man sie in einen grösseren Zusammenhang einbetten kann.“ Wenn es etwa im Lauf des Gesprächs darum gegangen sei, dass im Unternehmen Veränderungen anstehen und klar ist, dass Dinge in der Vergangenheit nicht ideal gelaufen sind, kann die Frage berechtigt sein. Andernfalls könnten sich die Interviewer durch die Frage überrumpelt fühlen. „Wo der Schuh wirklich drückt und was sich künftig ändern müsse, das sind Unternehmensinterna“, so Feichtner, „und die werden in einem Vorstellungsgespräch kaum ausgeplaudert.“ Wer die Frage stellt, wird also im besten Fall mit Floskeln abgespeist. Im schlimmsten Fall läuft man Gefahr, den potenziellen Arbeitgeber blosszustellen und einen schlechten Eindruck zu hinterlassen.“

Frage 3: „Welche Art von Angestellten sind besonders erfolgreich? Welche Qualitäten sollte man mitbringen, um im Unternehmen erfolgreich zu sein?“

„Der erste Teil der Frage gefällt mir nicht so gut“, meint Karrierecoach Feichtner, „weil sie sehr nach Schubladen-Denken klingt.“ Gleichzeitig ist der „cultural fit“ für Job-Interessenten ein wichtiger Faktor. Feichtner rät, die Frage anders einzuleiten. Man könne beispielsweise an den bisherigen Gesprächsverlauf anknüpfen, an Medienberichte oder auch an die Marktlage und so die Brücke schlagen. Feichtner rät, die Frage wie folgt zu stellen: „Sie sind ja ein sehr erfolgreiches Unternehmen, auf welche Eigenschaften legen Sie bei Ihren Beschäftigten besonders viel Wert?“ Oder aber, man beziehe sich auf die eigene Vita. „Wenn sie erzählen, was Sie auf dieser oder jener Station an fachlichen, aber auch an zwischenmenschlichen Kompetenzen entwickelt haben, kann es gut passen, die Interviewer zu fragen, was ihnen hier besonders wichtig ist.“

Frage 4: „Was mögen Sie am liebsten an Ihrer Arbeit in diesem Unternehmen?“

Diese Frage zu stellen, kann smart sein, denn sie gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, sich und das Unternehmen gut zu verkaufen. Auch hier rät Feichtner allerdings, die Frage anders einzuleiten und Bezug auf bisher Gesagtes zu nehmen – etwa wie lange die Interviewer schon im Unternehmen sind: „Sie haben ja gesagt, dass Sie selbst schon lang im Unternehmen sind, daher würde mich interessieren, was Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Spass macht.“

Frage 5: „Wie würden Sie die Kultur des Unternehmens beschreiben?“

„Diese Frage kann man zwar stellen, allerdings auf keinen Fall direkt am Anfang, sondern eher zum Ende des Gesprächs“, so die Einschätzung von Karrierecoach Feichtner. Unternehmenskultur habe viel mit Arbeitsklima, Zufriedenheit und Wertschätzung zu tun – alles Themen, die regelrechte Minenfelder sein können. Wenn man hier nachfragt, sollte man das etwa folgendermassen einleiten, so Feichtner: „Sie haben ja einiges dazu gesagt, wie sich Mitarbeitende einbringen können, das zeigt ja von einer guten Unternehmenskultur – könnten Sie darauf vielleicht noch etwas näher eingehen?“

Frage 6: „Wie reagieren Sie, wenn Ihre Angestellten mit Problemen auf Sie zukommen?“

Mit dieser Frage könne man, so Feichtner, ausloten inwiefern die Türen offen stehen und eine Vorgesetzte oder ein Vorgesetzter ansprechbar ist. Allerdings rät er auch hier, eine andere Formulierung zu wählen. Ganz generell solle man den Begriff „Problem“ möglichst vermeiden: „Sprechen Sie besser davon, ‚Lösungen zu finden‘.“ In diesem Fall empfiehlt er, lieber das Wort „Feedback-Kultur“ zu verwenden. Gleichzeitig sollte man hier auch transportieren, dass man selbst offen und dankbar für Feedback ist.

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Photo by Marten Bjork on Unsplash

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